Ein Stadtgespräch über Land und Leute

„Sich selbst nicht als arme Hunde darzustellen, sondern zu sagen: Wir sind ja wer!“


ORF-Redakteur Walter Reiss im Gespräch mit dem
„vagabundierenden“ Soziologen und Kulturwissenschafter Roland Girtler


Das wäre das Rezept, sagt einer, der als Kulturwissenschafter durch die Lande – und jeden Sonntag durch die Krone-Bunt – vagabundiert. Und er sagt das, nachdem er in der Wiener Innenstadt vom Drahtesel gestiegen ist und mir mit „Servus, netter Burgenlandler!“ die Hand gereicht hat. Im Cafe Landtmann – die Kellner kennen ihren „Professor“ und seine Stammplätze bestens – sind wir gleich mitten im Thema und bei Kräutertee (für den Professor) und Kaisermelange (für mich) gerät der Mann, der Wilderer kennt und schätzt, Huren, Zuhälter und Ganoven erforscht und den alten Bauernstand erkundet hat, ins Schwärmen: Südburgenländer und –innen mag er auch. Sogar sehr, meint er in einer Plauderei über seine Sicht der „südburgenländischen Seele.“


Walter Reiss:
Wie hast Du das südliche Burgenland eigentlich kennen gelernt?


Roland Girtler:
Dieser Landstrich hat mich schon allein wegen der Grenze interessiert, an der er liegt. Mit dem Fahrrad bin ich sie entlang gefahren, über den Geschriebenstein zum Beispiel. Und glaub mir, wer mit dem Radl durchs Land fährt, lernt die Leute wirklich kennen. Mein erster Eindruck: Die Leute hier sind noch nicht verdorben durch den Massentourismus. Das macht sie liebenswert und sie sind es auch. Und noch etwas hab ich entdeckt: Hier gibt es Mostheurige und Buschenschänken mit einer natürlichen Atmosphäre wie nirgends sonst.
Da kommt man mit den Menschen leicht ins Gespräch. Da hab ich zum Beispiel in einigen Orten im Südburgenland Protestanten kennen gelernt. Also muss es wohl schon früher in diesem Landstrich ein rebellisches Potential gegeben haben, das gegen katholische Mehrheiten selbstbewusst aufgetreten ist und sich über Generationen erhalten hat.

Walter Reiss:
Die evangelischen Christen und ihre Gemeinden sind eine wichtiger Teil des Burgenlandes. Aber der überwiegenden Mehrheit der Burgenländer – im besonderen der Südburgenländer – hält man oft vor, sie hätte die unter ungarischen Feudalherren lange geübte Untertänigkeit nie wirklich abgelegt. Stolz, Selbstbewusstsein und das, was man regionale Identität nennt, findet man kaum zwischen Kalch und Lockenhaus oder zwischen Reinersdorf und Markt Allhau. Von rebellischer Natur keine Rede – im Unterschied zu anderen Regionen Österreichs, wenn ich da etwa an Bregenzerwälder, Zillertaler oder Obersteirer denke…


Roland Girtler:
Das stimmt schon. Denn wo jahrhundertelang das Bäuerliche dominiert, da werden die Menschen auch fügsam, folgsam, demütig. Aber ich weiß es: Irgendwann erhebt sich dieser Menschenschlag. Und kraftvoll noch dazu. Zur viel zitierten Identität möchte ich folgendes sagen: Jeder Mensch hat mehrere Identitäten! Mir scheint gerade für das Burgenland typisch zu sein, dass man seine Identität aus der Volksgruppe gewinnt, der man angehört. Und es gibt ja schließlich die Deutschsprachigen, die Burgenlandkroaten, die Burgenlandungarn und die Roma (die ich, Roland Girtler, ausdrücklich und respektvoll Zigeuner nennen darf! Obmann Rudi Sarközi, mein guter Freund, hat mir das offiziell zugestanden und darauf bin ich stolz!).
Dazu kommt noch, dass im Laufe der letzten Jahrhunderte das Land ja eigentlich Ungarn war und auch daraus ergab sich eine andere Identität als mit einem Land, das es erst ab 1921 gegeben hat. Und wenn man sich anschaut, wie hier die verschiedenen Grenzziehungen nach Kriegen und Friedensverträgen verlaufen sind: Da ist ein politisch künstliches Gebilde übrig geblieben, ohne eigentliche Hauptstadt: Das heutige Burgenland.

Walter Reiss:
Das Burgenland war und ist ja in bestimmter Hinsicht immer noch Grenzland. Hat das nicht auch die Mentalität, den Alltag, das politische Verhalten geprägt und tut die „neue“ Grenze innerhalb der EU das heute noch?


Roland Girtler:
Da heißt es immer, wie schön das Leben ohne Grenzen, ohne Barrieren wohl ist. Da ist schon was dran, aber ich möchte betonen, dass der Mensch es so gänzlich grenzenlos nicht wirklich aushalten würde. Grenzen gehören irgendwie dazu zum menschlichen Wesen. Man hat mich wegen dieser Ansicht schon oft schief angesehen und kritisiert. Aber es fällt zum Beispiel auf, dass man gerade im Südburgenland – nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und in der Zeit des zusammenwachsenden, schier grenzenlosen Europa – die ureigene, alte Sprache wieder entdeckt: Das Hianzische. Lokales Kulturgut wird plötzlich wieder interessant. Das gefällt mir.
Grenzen sind Anhaltspunkte, Orientierungshilfe und auch wichtig. Das darf natürlich nicht zur Ablehnung des und der anderen führen. Ich kann Grenzen setzen, muss aber andere über diese Grenzen hinweg akzeptieren. Dieses Beschwören des Grenzenlosen ist doch fad. Wenn alle Leute dasselbe Gewand anziehen, das wäre doch langweilig.

Walter Reiss:
Ist diese – scheinbar wieder aufkeimende – Sehnsucht nach dem Leben in einem eigenen vertrauten und ruhigen Winkel nicht etwas biedermeierlich?


Roland Girtler:
Biedermeier, das war eine Zeit, in der Menschen unter dem strengen Metternich-Regime unter Druck gestanden sind. Das war eine Art Flucht und Gegenwehr zugleich. Vielleicht lernen die Menschen gerade heute, mit dem steigenden Druck zu Leistung und Arbeit spielerisch umzugehen. Maschinen und Computer nehmen uns die Arbeit weg, wir hingegen entdecken so etwas wie das Recht auf Faulheit.
Wie verbringen wir unsere Freizeit? Wie gehen wir damit um? Meine Theorie: Die gewonnene Zeit bewusst dazu zu nutzen, sich mit eigener Herkunft, Sprache, Kultur verstärkt zu befassen. Und wie man sieht: Das geschieht auch und gerade im Südburgenland immer öfter.

Walter Reiss:
Zeit – das ist wohl ein Luxus, den sich derzeit nur Leute in der Pension leisten können. Und nicht selten sind das Menschen, die ihren Lebensabend als gebürtige BurgenländerInnen wieder daheim verbringen oder Pensionisten aus der Stadt, die sich „ein Haus im Burgenland“ zugelegt haben.


Roland Girtler:
Das ist euopaweit so. Ich bin durch Frankreich geradelt: In den Pyrenäen leben die alten Leute aus Paris, im Salzkammergut wohnen die Senioren aus Deutschland usw. Da machen viele Intellektuelle auf Landleben, halten sich eine Katze und sagen: Wir betreiben Viehhaltung!!! (lacht schallend)

Walter Reiss:
Gerade im Südburgenland hat sich vor etwa 30 Jahren eine ganze Reihe von Künstlern, Autoren, Akademikern niedergelassen und dieses „Landleben“ entdeckt…

Roland Girtler:
So mancher von diesen Leuten mag wohl seine Erfüllung gefunden haben. Aber viele dieser Zuwanderer dürften gemeint haben, damit ihren Kindern das Leben am Land schmackhaft zu machen. Für viele eine herbe Enttäuschung: Die groß gewordenen Kinder zieht es in die Stadt. Das Land ist fad und uninteressant. Es ist nämlich gefährlich, sich durch „Flucht“ ins Landleben eine eigene, wiederum „künstliche“ Welt aufzubauen.
Die Zukunft liegt – so denke ich – weder nur in der Stadt, noch nur am Land. Gerade die Burgenländer haben ja im Lauf ihrer Geschichte verstanden, mit den nahen Städten und ihrer unmittelbaren Heimat zu Recht zu kommen. Als Pendler zum Beispiel.

Walter Reiss:
Das Pendlerschicksal hat aber zu einem Land der „leeren“ Dörfer ohne Geschäfte und Gasthäuser geführt…


Roland Girtler:
… und zu Orten, in denen nix mehr los ist. Das ist schon richtig. Im Waldviertel z.B. ist das ja nicht anders. Man findet das in allen Randregionen in Europa. Und sogar unmittelbar bei Wien, etwa in Gießhübl, ist von Montag bis Freitag auch nix los! Da kommen die Universitätsprofessoren am Abend hin in ihre „Schlafhäuser“ und fahren in der Früh wieder weg.
Wir leben in einer Welt der zunehmenden Verstädterung. Die Stadt hat nun einmal viel Reizvolles und Arbeit und Bildung bietet sie auch. Das Pendeln wird uns wohl bleiben. Es sollte nur leichter und umweltverträglicher gemacht werden, durch mehr und bessere Zug- und Busverbindungen.

Walter Reiss:
Siehst Du als vagabundierender und radlfahrender Kulturwissenschafter und Soziologe da einen Ausweg? Wäre es nicht zu nostalgisch und weltfremd, auf die Wiederauferstehung eines „neuen“ und zeitgemäßen Bauernstandes zu hoffen?


Roland Girtler:
Den alten Bauernstand, den gibt’s nicht mehr. Und der kommt auch nicht wieder. Schon gar nicht in Zeiten, in denen es billiger kommt, Milch aus Holland einzukaufen, als sich selbst eine Kuh zu halten. Bei anderen Bereichen ist es ebenso: „Wozu sich abmühen, Geld hat man ja!“ Kritisch könnte es werden, wenn die EU-Förderungspolitik weiterhin die – oft mühsame – Pflege der Landschaft nicht unterstützt. Da werden riesige Flächen zuwachsen und verkommen.
Mir gefällt da als Vorbild die im Südburgenland aktive Wieseninitiative: Die Streuobstwiesen wieder zu pflegen, alte Obstsorten zu erhalten und zu verwerten und die Landschaft zu kultivieren, das finde ich einfach gut. Irgendwie mag das Ganze ausschauen wie ein Schritt zurück, aber ich denke, gerade in der Rückbesinnung auf Gutes aus der Region liegt ein Fortschritt.

Walter Reiss:
Die Chancen für die Region Südburgenland liegen also in Ideen, Initiativen, Projekten…


Roland Girtler:
… ja, genau. Da gibt es gar nicht wenige Leute, die das Abwickeln von Projekten ganz gut verstehen und die auch gelernt haben, wie man Fördergeld dafür kriegen kann. Projektphantasie ist gefragt. Das sind oft sehr umtriebige Leute. Aber es ist ja nicht schlecht, wenn Menschen und Landschaft – also der gesamte Lebensraum – davon profitieren. Und das Selbstbewusstsein der im Südburgenland lebenden Leute wird steigen, wenn sich profilierte öffentliche Personen – wie Künstler, Musiker, Autoren, Sportler, Medienleute – klar dazu bekennen, aus diesem Landstrich zu kommen und zu sagen: „Ich bin Südburgenländer /in und da stehe ich auch dazu!“ Da denke ich etwa an den berühmt gewordenen Liedtitel: „I wü ham nach Fürstenfeld!“. Siehe da, die Gegend hat auf einmal das gewisse Etwas!

Walter Reiss:
Also interessant wird Provinz nur durch Prominenz?


Roland Girtler:
Das gehört auch dazu. Insgesamt muss ich sagen: Die Südburgenländer sind interessante, liebenswerte Leute, die allen Grund haben, zu ihrem Land zu stehen. Sie müssen sich nicht dafür genieren, aus dem einen oder anderen unbekannten „Kaff“ am Ende der Welt zu stammen. Ich kann und will als Kulturwissenschafter keine Prognosen abgeben über die Entwicklung der nächsten Jahre und Jahrzehnte in dieser Gegend. Aber ich bin sicher: Im Südburgenland steckt viel mehr, als viele dort lebende Leute glauben.


Roland Girtler:
http://de.wikipedia.org/wiki/Roland_Girtler




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