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Fundamente unserer Kultur


Ein Plädoyer für die Bewahrung unseres architektonischen Erbes
von Friedl Gamerith



(Dieser Artikel wurde im Hianzenkalender 2007 des Burgenländischen Hianzenvereins veröffentlicht)

 

Viel hat sich verändert seit den Tagen, als in Oberschützen noch der trommelnde Viertelrichter, der „Trummlveida“, mit den Worten „es wird kundgemacht“ Neuigkeiten verbreitete, als die Musikakademie in der Gründung begriffen war, als bäuerliches Leben noch das Ortsbild prägte, Gänse und Hühner die lehmigen Strassen bevölkerten und die Eisenbahnlinie Oberwart-Oberschützen vermutlich noch Gewinne einfuhr. So war es im Jahre 1966.

40 Jahre später haben nur wenige Gebäude im Ort die Modernisierung unversehrt überstanden. Ein Großteil des historischen Bestands wurde abgerissen oder einem nivellierten Baumarktgeschmack entsprechend umgebaut. Das Wissen um Symbole, Proportionen, Formen, Farben und Materialien scheint in der aufstrebenden Konsumgesellschaft im Nu in Vergessenheit geraten zu sein.

Welches Kapital wir mit diesem kulturellen Erbe verloren haben, hat man offenbar bis heute nicht begriffen, denn der Verfall dauert an. Franz Simon war einer der wenigen die es begriffen haben. Er konnte noch unzählige Häuser dokumentieren, vor der Zerstörung konnte aber auch er sie nicht bewahren.

Wer ein altes Haus bewohnt, der weiß, dass die Qualität der Materialien, die in historischen Bauten verwendet wurden, vor allem aber die Qualität des Geistes, der sich dort über die Jahrzehnte und Jahrhunderte gebildet hat, einzigartig, unnachahmlich und unbezahlbar ist. Der bodenständigen Spiritualität und Einfachheit eines Teils der Kriegsgeneration, die jetzt fast ausgestorben ist, ist es zu verdanken, dass zumindest Bruchstücke einer historisch gewachsenen bäuerlichen Lebensart bis in unsere Tage erhalten blieben.

Natürlich kann und soll der heutige Mensch nicht so leben wie seine Vorfahren, das wäre auch gar nicht erstrebenswert. Das bedeutet aber nicht, dass wir verneinen und vergessen sollen, was aus der Vergangenheit kommt. Intelligente, zeitgemäße Nutzung alter Bausubstanz ist woanders längst eine Selbstverständlichkeit. So wie unsere Ahnen in uns weiterleben, so lebt auch deren Kulturgut in uns weiter. Wenn wir uns diesem Erbe öffnen, öffnen wir uns damit einem unendlichen geistigen, schöpferischen Reservoire.

Künstler, Musiker und Architekten früherer Generationen haben selbstverständlich in ihrer jeweiligen Tradition gearbeitet und diese weiterentwickelt. Der Zwang, ständig etwas Neues, Plakatives, Sensationelles, noch nie Dagewesenes bieten zu müssen, spiegelt wahrscheinlich den Geist unserer journalistisch geprägten Zeit wider. Wonach sich aber in Wahrheit auch der heutige Mensch sehnt, ist Inhalt, nicht Verpackung – und die wichtigen Themen der Menschheit bleiben die gleichen.

Wie kommt es, dass wir mit Begeisterung die historischen Stätten Europas mit seiner reichen Architektur besuchen, während wir der Verantwortung für die Pflege des eigenen Erbes in unmittelbarer Umgebung, wenn es also um Investition und Initiative geht, gerne ausweichen?

Wenn wir die Bewahrung der von Franz Simon so geliebten und von vielen von uns immer mehr geschätzten hianzischen Kultur ernst nehmen, dann gehört dazu unbedingt die Erhaltung alter Häuser. Statt sie nur als Museen zu betrachten, sollten wir sie benützen, bewohnen und beleben. Hier sind Private ebenso gefordert wie Gemeinden und Institutionen. So können wir auf dem qualitätsvollen Fundament unserer Geschichte und Kultur unsere eigenen Formen und Wege finden.


Friedl Gamerith stammt aus einer Musikerfamilie in Oberschützen. Er ist Sänger, Pianist und Liedermacher, lebte von 1994-2004 in London und arbeitete als Piano Entertainer auf vier Kontinenten. Er wohnt in einem Arkadenhof aus dem Jahr 1814, den seine Eltern 1966 in baufälligem Zustand kauften und nach liebevoller Sanierung fast 40 Jahre lang bewohnten. Er selbst hat in England zwei viktorianische Häuser renoviert und dazu Gärten angelegt, die der dortigen Tradition entsprechen. Seine Internetplattform www.forum2020.net , die im Aufbau begriffen ist, soll einen ausführlichen und andauernden Dialog über die Zukunft der Region Südburgenland fördern. Mehr zu seiner Person finden Sie im Internet unter www.gamerith.net